Chiasamen – Superfood oder Mythos?

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Alle reden über Chiasamen. Aber sind sie tatsächlich das Superfood schlechthin? Ich kenne sie bereits seit Längerem. So richtig grenzenlose Begeisterung, wie man sie häufiger gegenüber den Samen vorfindet, hat sich bei mir allerdings noch nicht eingestellt. Da ich trotzdem neugierig wurde, was es denn nun mit den angeblichen Wundersamen auf sich hat, habe ich mich etwas schlauer gemacht. Hier die Ergebnisse…

Geschichte

Chiasamen haben ihren Ursprung wahrscheinlich in Mittel-/Südamerika. Dort waren sie schon 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung bekannt und wurden als Hauptnahrungsmittel genutzt. Die Aztekenhauptstadt Tenochtitlan erhielt jährlich angeblich zwischen 5.000 und 15.000 Tonnen der kostbaren Samen als Tributzahlungen aus eroberten Gebieten und nutzte sie nicht nur zur Ernährung, sondern auch als Opfergabe für die Götter.

Später gerieten die Samen, mit denen zuvor noch Geister besänftigt, Rituale vollzogen und Krieger für bevorstehende Kämpfe aufgeputscht wurden, allerdings in Vergessenheit. Das lag vermutlich an den Europäern, die irgendwann die neue Welt entdeckten und für sich reklamierten. Denn kurz nach der Entdeckung, standen in Mittel-/Südamerika schnell die ersten Konquistadoren auf der Matte und begannen mit dem, was Konquistadoren eben so machen: Gebiet für sich beanspruchen, alles von Wert enteignen und mitnehmen, um dann abschließend die örtliche Kultur zu zerlegen und die eigene drüberzustülpen, um dafür dann wiederum Dankbarkeit und Zahlungen einzufordern.

Da die Chiasamen auch in verschiedenen Ritualen verwendet wurden und sich für die Konquistadoren – anders als beim Mais – kein direkter Nutzen ergab (die Samen waren in Europa nicht zu kultivieren), wurden sie kurzerhand im Namen Gottes verboten. Mais hingegen musste Gott gutgefunden haben, denn der wurde begeistert in der alten Welt eingeführt. – Schließlich konnte er dort auch gut angebaut werden.

Chiasamen wenig
Inhaltsstoffe

Die allgemeine Konquistadoren-Ketzerei-Verbots-Praxis führte generell dazu, dass man Chiasamen nahezu vergaß und sie erst 1991 in einem Forschungsprojekt wiederentdeckte. Ziel des damaligen Projekts war es, eine neue Quelle für Omega-3-Fettsäuren zu finden. Diese Fettsäuren sind positiv mit der Vorbeugung von Herz-Kreislauferkrankungen assoziiert und kommen vermehrt in Algen, Fischöl und Leinsamen vor. Im Vergleich zu den ersteren beiden Quellen weisen Chiasamen jedoch einen höheren Gehalt an diesen Fettsäuren auf. Außerdem beinhalten sie die kurzkettigen Alphalinolsäuren, während die beiden maritimen Quellen langkettige Fettsäuren besitzen.

Im Vergleich mit Fischöl und Algen schneiden Chiasamen in Bezug auf Omega-3-Fettsäuren also etwas besser ab, befinden sich aber wiederum mit Leinsamen ziemlich unspektakulär gleichauf. Von Leinsamen unterscheidet sie hingegen, dass Chiasamen bisher als relativ unbedenklich eingestuft werden (auf der Basis weniger Versuche mit Tiernahrung), während der sehr stark erhöhte Konsum von Leinsamen auf den Organismus toxisch wirken kann. Aus diesem Grund sind Leinsamen in Frankreich und Portugal auch nicht als Lebensmittel zugelassen.

Allerdings können Leinsamen mit etwas Aufwand und verschiedenen Lösungen entgiftet werden. Strittig bei der Entgiftung ist jedoch, ob durch diese tatsächlich alle schädlichen Stoffe restlos entfernt werden oder ob – diese Meinung wird ebenfalls vertreten – noch giftige Rückstände in den Samen verbleiben. Aber selbst wenn die Samen komplett entgiftet werden könnten, dann unterscheiden sie sich von Chiasamen noch in Aufwand, Kosten, im Geschmack und in der Lagerung. Denn während Chiasamen ziemlich einfach gelagert werden können und eher geschmacksneutral sind, besitzen Leinsamen einen sehr bitteren Nachgeschmack und müssen etwas umständlicher gelagert werden, da sie ansonsten schnell verderben.

Die Chiasamen liegen also vorne. Zwar nicht als alternativloses weltenheilmäßiges Superfood, aber als ganz praktische Ernährungsergänzung. Denn die meisten Studien beziehen sich nicht auf Chiasamen als eigentliches Nahrungsmittel, sondern auf mit den Samen leicht angereicherte Lebensmittel oder die Viehzucht. Dort konnten zwar noch keine negativen Effekte festgestellt werden, aber dennoch sind die Samen in der EU erst seit 2009 – und weil man sich eben noch nicht zu 100% sicher ist – nur als neuartiges Lebensmittel in Brot- und Backwaren mit einem Höchstgehalt von 5% zugelassen.

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